Eine Papierfabrik in Finnland, eine Druckerei bei Frankfurt: Wo Rechenzentren gerade entstehen, war vorher schon Industrie. Wenn Geld teurer wird, zählt der Ort, an dem man nicht bei null anfängt. Für Baden-Württemberg ist das eine Frage der Inventur.
Am 8. Oktober kamen zwei Nachrichten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.
Die erste aus Finnland. Der französische KI-Infrastrukturanbieter Sesterce will auf dem Gelände der früheren Papierfabrik Kaipola in Jämsä mehr als 10 Milliarden Euro investieren. Geplant sind zunächst 200 Megawatt, in einer zweiten Phase 600. Einen Ankerkunden habe man schon, sagt das Unternehmen. Das Wichtigste steht fast im Nebensatz: Das Industriegelände ist bereits an das Hochspannungsnetz des Netzbetreibers Elenia angeschlossen. Der Bürgermeister von Jämsä bleibt vorsichtig. Er spricht von einer Chance, sofern aus den Plänen Umsetzung wird.
Die zweite aus Neu-Isenburg, direkt südlich von Frankfurt. Dort entsteht auf der Brache der ehemaligen Druckerei der Frankfurter Rundschau ein Rechenzentrum des Entwicklers Goodman. Schon 2024 haben Stadt und Stadtwerke vereinbart, die Abwärme für ein neues Wärmenetz zu nutzen, für das Wohngebiet Neue Welt und das Gewerbegebiet Süd. Laut dem Fachdienst Data Center Dynamics sollen ab 2028 bis zu 50 Megawatt Wärme an rund 600 Gebäude gehen. Diese Zahlen haben wir nicht in einer Mitteilung der Beteiligten gefunden, ein Bericht aus dem vergangenen Jahr nannte andere Größen. Die Richtung ist trotzdem eindeutig.
Was beide verbindet, ist der Startpunkt. Niemand baut hier auf der grünen Wiese. Die Leitung liegt schon, die Fläche ist erschlossen, und für die Wärme gibt es Nachbarn, die sie brauchen.
Warum das gerade jetzt zählt, zeigt ein Dokument aus Washington. Im Protokoll der Fed-Sitzung vom September heißt es, der Einfluss des KI-Ausbaus auf die Preise nehme zu, während der der Zölle nachlasse. Der Stab der Notenbank rechnet erst 2029 wieder mit 2 Prozent Inflation. Geld bleibt also teuer. Dazu berichtet die Financial Times, OpenAI habe Investoren für September einen Jahresumsatz von knapp 50 Milliarden Dollar genannt, nach annähernd 70 Milliarden im August. Ob dahinter vor allem eine andere Zählweise steckt, ist offen. Für Geldgeber ändert es wenig. Sie schauen genauer hin, und wer teures Geld verleiht, will wissen, wann der Strom fließt und wer die Wärme abnimmt.
Für Baden-Württemberg steckt darin eine Aufgabe, die eher nach Inventur klingt als nach Vision. Das Land hat Industrieflächen im Umbau, Kraftwerksstandorte und Stadtwerke mit Wärmenetzen. Was wir bisher nicht gefunden haben, ist eine öffentliche Übersicht, die das an einem Ort zusammenführt: welche Fläche, welche Anschlussleistung bis 2030, welcher Wärmeabnehmer in der Nähe. Vielleicht liegt so etwas bei Netzbetreibern oder Wirtschaftsförderern in der Schublade. Dann wäre die nächste Frage, warum dort.
Neu-Isenburg hat übrigens kein besonderes Geheimnis. Eine Stadt, ihre Stadtwerke und ein Grundstückseigentümer haben sich früh zusammengesetzt, lange bevor das erste Gebäude stand. Das lässt sich nachmachen. Auch bei uns.
Bild: Guilhem Dupit / Unsplash – Ehemalige Industriehalle der Ateliers des Capucins in Brest, Frankreich, heute umgenutzt (Symbolbild)
Quellen:
Sesterce, Sesterce Plans a €10 Billion AI Campus in Jämsä, 08.10.2026: https://www.sesterce.com/newsroom/sesterce-plans-ai-campus-kaipola-jamsa-finland
Stadt Neu-Isenburg, Erstes Rechenzentrum in Neu-Isenburg – städtebaulicher Vertrag unterzeichnet, 25.09.2024: https://www.neu-isenburg.de/pressemodul/pressemitteilungen/september/erstes-rechenzentrum-in-neu-isenburg-staedtebaulicher-vertrag-unterzeichnet
Data Center Dynamics, Waste heat from Goodman data center in Frankfurt, Germany, to power district heating system, 08.10.2026: https://www.datacenterdynamics.com/en/news/waste-heat-from-goodman-data-center-in-frankfurt-germany-to-power-district-heating-system/
Federal Reserve, Minutes of the Federal Open Market Committee, September 15–16, 2026, 07.10.2026: https://www.federalreserve.gov/monetarypolicy/files/fomcminutes20260916.pdf
Reuters/Investing.com, OpenAI’s annualized revenue $20 billion less than previously signaled, FT reports, 08.10.2026: https://www.investing.com/news/stock-market-news/openais-annualized-revenue-20-billion-less-than-previously-signaled-ft-reports-4939854


