Nicht weit vom Stuttgarter Fernsehturm heizt seit September ein Rechenzentrum eine Schule. Diese Woche hat mir gezeigt, warum das mehr ist als eine nette Lokalmeldung. Rechenleistung ist auf Jahre verkauft. Knapp wird der Ort, an dem gebaut werden darf.
Auf unserem Wochenbild steht der Fernsehturm über Stuttgart. Ein paar Kilometer weiter, in Möhringen, passiert gerade etwas, an das ich diese Woche öfter gedacht habe als an jede Börsenmeldung. Seit dem 22. September heizt die Abwärme des Rechenzentrums von nLighten die städtische it.schule Stuttgart und mehrere DEKRA-Gebäude. Bis zu 1,8 Megawatt Wärmeleistung, rund 5 Gigawattstunden im Jahr, rechnerisch etwa 1.200 Tonnen CO₂ weniger als mit Erdgas. Das Wärmenetz betreibt ein Gemeinschaftsunternehmen der Stadtwerke Stuttgart und der e-con AG.
Warum mich das beschäftigt? Weil sich die Frage, wo Rechenzentren entstehen, gerade verschiebt.
Die Technik ist lieferbar
Am Mittwoch hat Nvidia in Berlin den DSX Pod vorgestellt: ein Rechenzentrum aus vorgefertigten Modulen, das an einem vorbereiteten Standort in 14 Tagen laufen soll statt in rund sechs Monaten. Erste Auslieferungen sind für Anfang 2027 angekündigt. Den Engpass nennt Nvidia gleich mit. Allein in den USA warten nach Angaben des Unternehmens über 200 Gigawatt an Projekten auf einen Netzanschluss.
Und die Nachfrage? Laut The Information sagt AWS-Chef Andy Jassy, die Cloud-Kapazität sei für 2026 ausverkauft und für 2027 weitgehend vergeben. Das Original konnte ich nicht lesen, nur Berichte darüber. Das Bild passt aber zu allem anderen dieser Woche.
Knapp wird die Zustimmung
Dann kam eine Zahl, die mich nachdenklich gemacht hat. In einer CNBC-Umfrage vom 14. bis 18. Oktober lehnen 63 Prozent der registrierten Wähler in den USA ein KI-Rechenzentrum im Umkreis von rund 16 Kilometern ab. Dafür sind 13 Prozent. Befragt wurden rund 500 Menschen, die Fehlermarge liegt bei 4,4 Punkten. Das ist eine Stichprobe aus einem anderen Land, kein Naturgesetz. Ich frage mich trotzdem: Was würden wir hier antworten, wenn morgen neben unserer Siedlung eine große Halle mit Kühlanlagen geplant wäre?
Ich ahne die Antwort. Eine Halle hinter dem Zaun, die Strom zieht und brummt, gewinnt keine Nachbarn. Eine Halle, deren Wärme im Klassenzimmer ankommt, vielleicht schon.
Das Geld wird vorsichtiger
Dazu kommt das Geld. Meta hat im dritten Quartal 34,9 Milliarden Dollar investiert, an der Börse kam das diesmal nicht gut an. Nvidia steht laut The Information mit über 170 Milliarden Dollar an Garantien und Zusagen hinter KI-Cloud-Anbietern. Wenn Kapital vorsichtiger wird, zählt für langfristige Geldgeber, was ein Projekt sicher macht: ein zugesagter Netzanschluss und ein Standort, den die Menschen vor Ort mittragen.
Europa sucht noch den Ort
Brüssel hat die Frist für die KI-Gigafabriken vom 12. November auf den 3. Dezember verlängert. Laut Europa Press lag bis zum 22. Oktober noch kein Angebot vor. Aus Deutschland bereitet laut Handelsblatt unter anderem Hochtief eine Bewerbung vor. Auf der Konferenz Capacity Europe hieß es, Frankfurt stoße an Stromgrenzen und Rechenleistung ziehe in die Regionen. Für Baden-Württemberg ist das eine Chance, wenn wir die richtigen Orte zeigen können.
Warum das Tempo zählt
KI hilft inzwischen, die nächste KI zu bauen. Manche sprechen deshalb von Superintelligenz, also von KI, die Menschen in fast allen geistigen Aufgaben übertrifft. Moonshot aus China hat mit Kimi K3.1 Pro ein Modell vorgestellt, das laut Hersteller nahe an die besten US-Modelle herankommt. Die Gewichte sollen bis 4. November frei verfügbar sein. Wer solche Modelle unter eigenen Regeln betreiben will, braucht Rechenleistung im Land. Und dafür einen Ort.
Deutschland beginnt nicht bei null
Möhringen ist kein Einzelfall. Das KIT in Karlsruhe baut ein KI-Rechenzentrum mit zunächst 2 Megawatt, dessen Abwärme den Campus heizt. Seit 1. April vergeben die Übertragungsnetzbetreiber Anschlüsse nach Reife statt nach Eingangsdatum, erste Ergebnisse sind für Ende November angekündigt. In Neckarwestheim soll auf dem Kraftwerksgelände, wo das Netz schon liegt, ein Rechenzentrum entstehen. Die Bausteine sind da. Was oft fehlt, ist die Verbindung: Netz, kommunale Wärmeplanung und Betreiber an einem Tisch, bevor der Bauantrag kommt.
Was daraus folgt
Ich glaube, wir sollten die Standortfrage um eine zweite Hälfte ergänzen. Nicht nur: Wo gibt es Strom? Sondern auch: Wer in der Nähe hat etwas davon? Eine Schule, ein Wärmenetz, ein Gewerbegebiet, Ausbildungsplätze. Eine Gigafabrik-Bewerbung, die Anschlusstermin und Wärmekonzept zusammen zeigt, fiele bis 3. Dezember in einem bisher leeren Feld auf.
Unsere Leitfrage bleibt: Welche Standorte in Baden-Württemberg haben bis 2030 einen zusagbaren Netzanschluss ab 100 Megawatt, und in welcher Reihenfolge werden diese Kapazitäten vergeben? Diese Woche kommt eine zweite dazu: Welche dieser Standorte haben einen Wärmeabnehmer in der Nähe?
Ausblick
Am 28. Oktober entscheidet die US-Notenbank über den Zins, am selben Abend legen Microsoft und Alphabet Zahlen vor, am 29. Oktober folgt Amazon. Wir hören genau hin, was über Kapazitäten gesagt wird. Am 4. November sollen die Gewichte von Kimi K3.1 Pro erscheinen. Und bis 3. Dezember zeigt sich, welche deutschen Konsortien sich für eine Gigafabrik bewerben und ob Baden-Württemberg dabei ist.
JETZT HANDELN.
Bild: Deutschland Compute 2035 – Stuttgart im KI-Modus
Quellen:
Stadt Stuttgart, Wärmewende aus dem Rechenzentrum, 22.09.2026: https://www.stuttgart.de/en/service/aktuelle-meldungen/2026/september/waermewende-aus-dem-rechenzentrum
PC Games Hardware, Nvidia GTC Berlin 2026 – alle Ankündigungen der Keynote, 21.10.2026: https://www.pcgameshardware.de/Kuenstliche-Intelligenz-Hardware-279517/News/Nvidia-GTC-Berlin-2026-Keynote-Ankuendigungen-DSX-Pod-1557381/
Nvidia Blog, GTC Berlin 2026 News, 21.10.2026: https://blogs.nvidia.com/gtc-berlin-2026-news/
AI Weekly (nach The Information), AI News Today, 23.10.2026: https://aiweekly.co/ai-news-today
Superpower Daily (nach CNBC), CNBC-Umfrage: 63 Prozent lehnen KI-Rechenzentren in ihrer Nähe ab, 24.10.2026: https://superpowerdaily.com/posts/cnbc-survey-finds-63-of-voters-oppose-ai-data-centers-near-home
Meta, Meta Reports Third Quarter 2026 Results, 21.10.2026: https://investor.atmeta.com/investor-news/press-release-details/2026/Meta-Reports-Third-Quarter-2026-Results/default.aspx
AI-RTZ (nach The Information), Nvidia-Garantien für KI-Clouds, 24.10.2026: https://michaelparekh.substack.com/p/ai-anthropics-750b-compute-bill-openais
El Periódico de la Energía (nach Europa Press), Brüssel verschiebt die Frist für KI-Gigafabriken auf den 3. Dezember, 22.10.2026: https://elperiodicodelaenergia.com/bruselas-aplaza-al-3-de-diciembre-la-convocatoria-para-las-gigafactorias-de-ia-tras-no-recibir-ofertas
MarketScreener (nach Handelsblatt), Hochtief plant Antrag auf EU-Förderung für Rechenzentrum, 21.10.2026: https://de.marketscreener.com/boerse-nachrichten/hochtief-plant-laut-handelsblatt-antrag-auf-eu-foerderung-fuer-rechenzentrum-ce785cd8de8bfe23
Berlin Morgen, Europas KI-Infrastruktur verlagert sich in die Regionen, 23.10.2026: https://berlinmorgen.de/2026/10/23/europas-ki-infrastruktur-verlagert-sich-von-flap-zentren-in-regionale-regionen/
Moonshot AI, Kimi K3.1 Pro (Herstellerangaben), Oktober 2026: https://www.kimi.ai/blog/kimi-k3-1-pro
KIT, Mehr Rechenleistung, schnell gebaut, 01.09.2026: https://www.kit.edu/kit/english/pi_2026_076_more-computing-power-built-fast-for-research-digital-autonomy-and-climate-protection.php
CMS, Rechenzentren – Netz, Strom und Regulierung im Fokus, 01.10.2026: https://cms.law/de/deu/publication/re-connect-real-estate-construction-update-oktober-2026/rechenzentren-netz-strom-und-regulierung-im-fokus
EnBW, Rechenzentrum Neckarwestheim (Projektseite), abgerufen 18.10.2026: https://www.enbw.com/landingpages/neckarwestheim/rechenzentrum/


