Am 12. November endet Europas Bewerbungsfrist für bis zu sieben KI-Gigafabriken. Die Regeln, nach denen in Deutschland große Verbraucher ans Netz kommen, will der Bundestag frühestens in derselben Woche beschließen. Wer sich bewirbt, gibt also ab, bevor er die Spielregeln kennt. Ich frage mich, ob uns das bewusst ist.
Seit Freitag geht mir ein Rundschreiben nicht aus dem Kopf. Der Bundesverband Erneuerbare Energie rechnet damit, dass der Bundestag Netzpaket und EEG 2027 erst in der Woche vom 9. bis 13. November verabschiedet. Der Bundesrat könnte am 20. November folgen. Ob die EU-Kommission rechtzeitig genehmigt, damit alles am 1. Januar gilt, ist offen. Für sich genommen ist das eine Terminverschiebung, wie es viele gibt.
Dann habe ich in den Kalender geschaut. Am 12. November endet die Bewerbungsfrist für Europas KI-Gigafabriken. Die EuroHPC-Gemeinschaft will bis zu sieben solcher Anlagen auswählen. Deutsche Konsortien müssen also Standort, Leistung und Zeitplan festlegen, während im Bundestag noch verhandelt wird, nach welchen Kriterien große Verbraucher künftig angeschlossen werden. Mit so einem Plan würde ich ungern zu einer Bank gehen.
Andere ordnen den Zugang gerade neu
In Washington stellt das Energieministerium bis zu 4,4 Milliarden Dollar an Krediten bereit, damit drei stillgelegte Kernkraftwerke wieder Strom liefern, zusammen 2,25 Gigawatt. Zu den Abnehmern gehören Microsoft und Google, für ihre Rechenzentren. Man muss diesen Weg nicht kopieren wollen. Er zeigt aber, wie direkt dort Strom und Rechenleistung zusammengedacht werden.
Griechenland schreibt die Spielregeln fest, bevor der Ansturm kommt. Nach einem Entwurf, der bis 24. Oktober in der Konsultation ist, sollen Rechenzentren für einen Netzanschluss 60 Prozent erneuerbaren Strom nachweisen und eine Bankgarantie von 200.000 Euro je Megawatt hinterlegen. Die freie Anschlusskapazität soll je Region vierteljährlich veröffentlicht werden. Gerade der letzte Punkt gefällt mir. Wer weiß, wo im Netz Platz ist, muss nicht raten.
Und der französische Anbieter Scaleway stellt seinen ersten großen KI-Supercomputer nach Schweden, begründet mit dem Strommix. Der Strom wählt den Standort, nicht der Firmensitz.
Das Kapital wird vorsichtiger
Dazu kommt das Geld. Gartner schätzt, dass bis Ende 2030 mehr als 3,5 Billionen Dollar an Investitionen in KI-Infrastruktur von Wertminderung bedroht sein könnten. Was mich daran beschäftigt: Chips altern schnell. Netzanschluss, Gebäude und Wärmenetz bleiben. Das ist genau der Teil, den Deutschland selbst gestalten kann. Und wer langfristiges Geld dafür sucht, braucht vor allem eines: Planbarkeit.
Der Bund bewegt die Kosten, nicht die Regeln
Bewegung gab es trotzdem. Der Bundesrat will den Zuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten bei 6,5 Milliarden Euro halten, statt ihn auf 5,525 Milliarden zu senken, und verlangt Anreize für Verbraucher, die flexibel auf das Netz reagieren. Die Bundesregierung will beim Investitionsgipfel einen „Pakt für physische KI“ mit Nvidia vorstellen; berichtet wird über einen dreistelligen Millionenbetrag, unter anderem für Rechenkapazität in der KI-Cloud der Telekom. Beides hilft bei Preis und Nutzung. Wer in welcher Reihenfolge ans Netz kommt, beantwortet beides nicht.
Deutschland beginnt nicht bei null
Die Übertragungsnetzbetreiber haben schon Anfang des Jahres ein Reifegradverfahren für Anschlussanträge von Speichern und Großverbrauchern eingeführt. Reife statt Windhund, das ist der richtige Gedanke. Das KIT in Karlsruhe baut ein KI-Rechenzentrum mit zunächst 2 Megawatt, dessen Abwärme ins Campusnetz geht. In Neckarwestheim soll auf dem Kraftwerksgelände, wo das Netz schon liegt, ein Rechenzentrum der EnBW-Gruppe entstehen. Wie lang der Weg selbst dort ist, zeigt die Projektseite: Bebauungsplanverfahren seit März 2026, Baugenehmigung frühestens ab dem dritten Quartal 2027, Betrieb voraussichtlich Ende 2030. Ich erwähne das nicht, um zu klagen. Es zeigt, wie viel jeder Monat wert ist, den klare Regeln am Anfang sparen.
Was daraus folgt
Für Deutschland Compute 2035 lautet die nächste Frage an Bund und Land nicht „mehr Geld?“, sondern „welche Regeln gelten?“. Nach welchen Kriterien werden Bewerber beurteilt, die vor dem 12. November abgeben müssen? Gilt Reife vor Eingangsdatum? Und wer veröffentlicht, wo im Land Anschlusskapazität frei ist? Nicht alle Antworten müssen bis November vorliegen. Aber wer sich bewirbt, sollte wenigstens wissen, auf welche er wartet.
Unsere Leitfrage bleibt: Welche Standorte in Baden-Württemberg haben bis 2030 einen zusagbaren Netzanschluss ab 100 Megawatt, und in welcher Reihenfolge werden diese Kapazitäten vergeben?
Ausblick
Am 19. und 20. Oktober tagt in Berlin der Investitionsgipfel. Wir schauen genau hin, ob der KI-Pakt Standorte, Netzanschluss oder Abwärme berührt oder vor allem Miete finanziert. Bis 24. Oktober läuft die griechische Konsultation, bis 15. November die chinesische zum neuen Exportkatalog, der auch die Gewichte großer KI-Modelle erfasst. Dann folgt die Doppelwoche: Netzpaket im Bundestag, Bewerbungsschluss für die Gigafabriken. In eigener Sache: Am 15. Oktober haben wir den als gemeinnützig geplanten Verein gegründet, der die Initiative tragen soll. Die Eintragung steht noch aus.
JETZT HANDELN.
Bild: Deutschland Compute 2035 – Stuttgart im KI-Modus
Quellen:
pv magazine, Bundestag wird EEG 2027 und Netzpaket wohl erst im November verabschieden, 15.10.2026: https://www.pv-magazine.de/2026/10/15/bundestag-wird-eeg-2027-und-netzpaket-wohl-erst-im-november-verabschieden/
EuroHPC JU, The EuroHPC Joint Undertaking launches the AI Gigafactories Call, 30.07.2026: https://www.eurohpc-ju.europa.eu/eurohpc-joint-undertaking-launches-ai-gigafactories-call-2026-07-30_en
Associated Press über BNN Bloomberg, U.S. is reviving shuttered nuclear plants to meet growing electricity demand and to power data centres, 16.10.2026: https://bnnbloomberg.ca/business/artificial-intelligence/2026/10/16/us-is-reviving-shuttered-nuclear-plants-to-meet-growing-electricity-demand-and-to-power-data-centres
TaiyangNews, Greece Proposes 60% Renewable Electricity For Data Centers, 13.10.2026: https://taiyangnews.info/markets/greece-proposes-60-percent-renewable-electricity-data-centers
Scaleway, Scaleway expands AI infrastructure in Europe with new AMD Instinct GPU-based supercomputer in Sweden, 13.10.2026: https://www.scaleway.com/news/scaleway-expands-ai-infrastructure-in-europe-with-new-amd-instinct-gpu-based-supercomputer-in-sweden/
Gartner, Gartner Says Over $3.5 Trillion of AI Infrastructure Spending Could Be Exposed to Impairment by the End of 2030, 14.10.2026: https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2026-10-14-gartner-says-over-us-dollars-three-and-a-half-trillion-of-artificial-intelligence-infrastructure-spending-could-be-exposed-to-impairment-by-the-end-of-2030
pv magazine, Bundesrat fordert höheren Zuschuss zu Übertragungsnetzkosten und mehr Anreize für Speicher, 16.10.2026: https://www.pv-magazine.de/2026/10/16/bundesrat-fordert-hoeheren-zuschuss-zu-uebertragungsnetzkosten-und-mehr-anreize-fuer-speicher/
ZDFheute, Pakt für physische KI – Kanzler Merz plant Nvidia-Mega-Deal, 17.10.2026: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/unternehmen/nvidia-usa-ki-bundesregierung-deutschland-kooperation-100.html
TransnetBW, Übertragungsnetzbetreiber führen „Reifegradverfahren“ für Netzanschlussanträge von Speichern und Großverbrauchern ein, 05.02.2026: https://www.transnetbw.de/de/newsroom/pressemitteilungen/uebertragungsnetzbetreiber-fuehren-reifegradverfahren-ein
KIT, More computing power, built fast, for research, digital autonomy and climate protection, 01.09.2026: https://www.kit.edu/kit/english/pi_2026_076_more-computing-power-built-fast-for-research-digital-autonomy-and-climate-protection.php
EnBW, Rechenzentrum Neckarwestheim (Projektseite), abgerufen 18.10.2026: https://www.enbw.com/landingpages/neckarwestheim/rechenzentrum/
Global Times, China adds 40 technologies in AI, biomedicine and PV for export controls, 16.10.2026: https://www.globaltimes.cn/page/202610/1372418.shtml


