Google holt 890 Megawatt zusätzlichen Strom aus Kraftwerken, die es schon gibt. Für Baden-Württemberg steckt darin weniger eine Energiefrage als eine Standortfrage: Wo liegen die Netzknoten, an denen neue Leistung am schnellsten zu haben wäre?
Am 6. Oktober haben Google und der US-Kraftwerksbetreiber Constellation einen Vertrag vorgestellt, über den man zuerst wegen des Wortes Atomstrom spricht. Das Interessante steht weiter hinten. Constellation will die Leistung von elf bestehenden Reaktoren in Illinois, Pennsylvania und New Jersey um zusammen 890 Megawatt erhöhen. Die erste dieser Leistungserhöhungen soll 2028 fertig sein. Google bezahlt das über einen Stromvertrag mit 20 Jahren Laufzeit, Constellation beziffert die Investition auf 4,3 Milliarden Dollar. Dazu kommt ein zweiter Vertrag über 2.700 Megawatt Strom aus denselben Anlagen, Laufzeit 15 Jahre.
890 Megawatt, das ist die Größenordnung eines großen Kraftwerksblocks. Gebaut wird dafür kein neues Kraftwerk. Es wird aus dem herausgeholt, was schon steht: Standorte mit Netzanschluss, Umspannwerken, Kühlwasser, Genehmigungsgeschichte und Belegschaft.
Ein neues Großkraftwerk braucht von der ersten Planung bis zum Netz viele Jahre. Eine Leistungserhöhung an einem bestehenden Standort ist schneller. Hier liegen zwischen Vertrag und erster Stufe rund zwei Jahre, wenn der Zeitplan hält. Das ist keine Besonderheit der Kernkraft. Es ist eine Regel, die für jede Art von Infrastruktur gilt.
Und damit sind wir bei Baden-Württemberg. Reaktoren, die man hochrüsten könnte, gibt es in Deutschland nicht mehr. Diese Debatte wollen wir an dieser Stelle auch nicht führen. Was es gibt, sind Orte, an denen jahrzehntelang Strom in großer Menge ins Netz geflossen ist. Neckarwestheim und Philippsburg gehören dazu, ebenso frühere Kohlestandorte. Ob sich einer davon für Rechenleistung eignet, wissen wir nicht. Das hängt an Fläche, Eigentum, konkurrierenden Nutzungen, Kühlung, Abwärme und vor allem an der Frage, welche Leistung der Netzbetreiber dort in welchem Zeitraum tatsächlich zusagen kann.
Dass frühere Kraftwerksgelände auch hierzulande für Rechenzentren infrage kommen, zeigt Lübbenau in Brandenburg. Dort baut Schwarz Digits laut Channelpartner auf einem ehemaligen Kraftwerksgelände im Lausitzer Braunkohlerevier. Welche Rolle der vorhandene Netzanschluss bei der Entscheidung spielte, steht in dem Bericht nicht. Das Unternehmen spricht von einer Vielzahl von Faktoren. Wir hätten gern gewusst, wie weit oben der Strom auf dieser Liste stand.
Was uns beschäftigt: Wir haben bisher keine vollständige, öffentliche Übersicht gefunden, welche Netzknoten in Baden-Württemberg bis 2030 Leistung in der Größenordnung ab 100 Megawatt zusagen könnten und in welcher Reihenfolge diese Kapazität vergeben würde. Vielleicht existiert sie bei den Netzbetreibern. Dann wäre es gut, darüber zu reden. Vielleicht existiert sie noch nicht. Dann wäre das der erste Arbeitsschritt.
Genau diese Frage wollen wir mit Netzbetreibern, Kommunen und künftigen Nutzern gemeinsam stellen. Nicht als Forderung, sondern weil die Antwort darüber entscheidet, ob neue Rechenleistung in den nächsten Jahren hier entsteht oder anderswo.
Google hat für seine 890 Megawatt keinen neuen Standort gesucht, sondern gefragt, was an den vorhandenen noch geht. Für Baden-Württemberg kennen wir die Antwort auf diese Frage noch nicht.
Bild: Hansjörg Keller / Unsplash – Symbolbild, Kühltürme an einem Fluss in Deutschland
Quellen:
Constellation Energy, Google and Constellation Announce Landmark Agreement to Bring 890 MW of New Nuclear Capacity to PJM Grid, 06.10.2026: https://www.constellationenergy.com/news/2026/10/google-and-constellation-announce-landmark-agreement-to-bring-890-mw-of-new-nuclear-capacity-to-pjm-grid.html
Channelpartner, Schwarz Digits macht Kraftwerk zum Rechenzentrum, 18.11.2025: https://www.channelpartner.de/article/4091759/schwarz-digits-macht-kraftwerk-zum-rechenzentrum.html


