Tomaten im Gewächshaus brauchen das, was ein Rechenzentrum übrig hat: Wärme. Heute verpufft sie fast vollständig. Ob ein Rechenzentrum heizt, entscheidet sich nicht im Betrieb, sondern bei der Standortwahl – und Baden-Württemberg zeigt, wie das aussehen kann.
Ein Gewächshaus, Tomaten an der Pflanze, warme Luft unter Glas. Auf den ersten Blick hat dieses Bild mit künstlicher Intelligenz nichts zu tun. Auf den zweiten zeigt es den Teil der KI-Infrastruktur, über den am wenigsten gesprochen wird: den Abnehmer. Ein Gewächshaus braucht das ganze Jahr Wärme. Ein Rechenzentrum erzeugt das ganze Jahr Wärme. Meistens finden die beiden nicht zueinander.
Rechenleistung wird inzwischen eingekauft wie Strom – bei dem, der sie liefern kann. Je schneller sich KI-Modelle weiterentwickeln, desto mehr davon wird gebraucht. Fachleute sprechen inzwischen offen von Superintelligenz, also von KI, die den Menschen in nahezu allen geistigen Aufgaben übertreffen könnte; ob und wann das kommt, ist umstritten. Sicher ist nur: Jede Kilowattstunde, die ein Rechner aufnimmt, wird am Ende zu Wärme.
Wie viel davon heute genutzt wird? Das Umweltinstitut München hat das Rechenzentrumsregister des Bundes ausgewertet und kommt auf einen Abwärmenutzungsgrad bestehender Rechenzentren von knapp drei Prozent. Der Rest wird weggekühlt.
Was sich gerade ändert
Der Gesetzentwurf zur Beschleunigung der Umsetzung der Energieeffizienzrichtlinie (Drucksache 21/8027) passt das Energieeffizienzgesetz an die EU-Vorgaben an. Für Rechenzentren heißt das unter anderem: Abwärme muss nur noch genutzt werden, wenn ein passendes Wärmenetz in der Nähe vorhanden ist. So hat es der Bundestag zur Anhörung im Wirtschaftsausschuss am 5. Oktober zusammengefasst. Laut Umweltinstitut München soll der Bundestag im November entscheiden.
Man kann über diese Regel unterschiedlicher Meinung sein. Für die Standortfrage ist sie vor allem eines: eindeutig. Wenn die Pflicht am Wärmenetz hängt, dann fällt die Entscheidung, ob ein Rechenzentrum heizt, bei der Standortwahl. Wer erst nach dem Bau nach einem Abnehmer sucht, findet meistens keinen.
Wie es aussehen kann
Baden-Württemberg liefert zwei Beispiele. Das Karlsruher Institut für Technologie baut sein neues KI-Rechenzentrum direkt neben das Heizkraftwerk auf dem Campus Nord. Zum Start sind rund 2 MW vorgesehen, die Stromversorgung reicht bis 10 MW, Bund und Land geben rund 24 Millionen Euro. Ab 2030 soll die Abwärme über Wärmepumpen ins Campus-Wärmenetz fließen und einen großen Teil des Heizbedarfs der Gebäude decken.
In Stuttgart-Möhringen ist man schon weiter. Seit September heizt die Abwärme eines Rechenzentrums im Synergiepark über ein Gebäudenetz eine städtische Schule und eine große Firmenzentrale, mit bis zu 1,8 MW Wärmeleistung und künftig rund 5 Gigawattstunden im Jahr, so die Landeshauptstadt Stuttgart.
Beide Projekte sind klein, gemessen an dem, was die großen Anbieter in den USA bauen. Aber sie folgen derselben Reihenfolge: zuerst klären, wer die Wärme braucht, dann bauen.
Was daraus folgt
Für Kommunen, Stadtwerke und Wärmeplaner ist das eine Einladung. Die kommunale Wärmeplanung kennt die Abnehmer: Gewächshäuser, Hallenbäder, Wohnquartiere, Gewerbegebiete mit hohem Wärmebedarf. Wer diese Karte früh neben die Karte der Netzanschlüsse legt, hat ein Argument, das kein anderer Standortfaktor ersetzt.
Ich frage mich, warum wir so oft zuerst über Megawatt reden und erst danach über Wärme. Vielleicht, weil Strom und Wärme bis heute in getrennten Zuständigkeiten geplant werden. Vielleicht auch nur, weil die beiden Karten noch selten nebeneinanderliegen.
Deutschland Compute 2035 will genau diese Gespräche zusammenbringen: Netz, Kommune, Nachfrage, Betrieb. Die Wärme gehört ab heute mit an den Tisch.
Bild: Shuken Nakamura / Unsplash – Tomaten an der Pflanze im Gewächshaus
Quellen:
Deutscher Bundestag, Umsetzung der EU-Richtlinie zur Energieeffizienz (hib 774/2026), 05.10.2026: https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1222572
netzpolitik.org, Gastbeitrag Leonard Burtscher (Umweltinstitut München) zu Rechenzentren und Energieeffizienzgesetz, 23.10.2026: https://netzpolitik.org/2026/ki-boom-wie-die-bundesregierung-die-regulierung-von-rechenzentren-aushoehlt/
Karlsruher Institut für Technologie, Pressemitteilung 076/2026, 01.09.2026: https://www.kit.edu/kit/english/pi_2026_076_more-computing-power-built-fast-for-research-digital-autonomy-and-climate-protection.php
Landeshauptstadt Stuttgart, Wärmewende aus dem Rechenzentrum, 22.09.2026: https://www.stuttgart.de/service/aktuelle-meldungen/2026/september/waermewende-aus-dem-rechenzentrum


