Programme und Kapital für KI-Infrastruktur sind in Deutschland und Europa in Bewegung. Ob ein Rechenzentrum tatsächlich entsteht, entscheidet sich aber an anderer Stelle: beim Netzanschluss. Zwei deutsche Projekte zeigen in dieser Woche, warum die Netzfrage vor der Standortfrage geklärt sein muss.
Diese Woche hat im Kleinen gezeigt, woran der Ausbau der KI-Infrastruktur in Deutschland und Europa tatsächlich hängt. Am Kapital liegt es immer seltener. Programme und Finanzierung sind in Bewegung: Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung meldete am 18. September zur Halbjahresbilanz der Nationalen Rechenzentrumsstrategie, dass 25 von 28 Maßnahmen gestartet und vier bereits abgeschlossen sind. Einen Tag zuvor kündigte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche an, rund eine Milliarde Euro Bundesmittel für Industrie-KI im europäischen Vorhaben IPCEI-AI einzuplanen, das nach Medienberichten rund zehn Milliarden Euro in 19 Mitgliedstaaten umfassen soll. International entstehen zugleich Gesellschaften, die Kapital, Chips und gesicherte Energie aus einer Hand anbieten – etwa Helix Digital Infrastructure, im Juni von KKR gemeinsam mit Nvidia, Vistra und der Kuwait Investment Authority gestartet.
Vor Ort entscheidet sich dagegen etwas anderes. Zwei deutsche Projekte machen das sichtbar.
In Lübbenau im Spreewald baut Schwarz Digits auf dem Gelände eines ehemaligen Kraftwerks ein Rechenzentrum, das nach Unternehmensangaben mit einer Anschlussleistung von rund 200 Megawatt konzipiert ist; das Unternehmen nennt eine Investition von elf Milliarden Euro und eine Fertigstellung bis Ende 2027. Den Netzanschluss realisiert der Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom auf der 110-Kilovolt-Ebene. Laut dem Fachmagazin stadt+werk ist es der bislang größte Netzanschluss für ein Rechenzentrum im Netzgebiet des Unternehmens; er soll bis Ende 2026 fertig sein. Netz und Projekt werden hier gemeinsam geplant, und die Netzseite soll vor dem Rechenzentrum bereitstehen.
In Maintal in Hessen plante der Betreiber EdgeConneX ein Rechenzentrum, das laut Medienberichten über ein eigenes Gaskraftwerk mit 170 Megawatt versorgt werden sollte, bis ein regulärer Netzanschluss verfügbar ist – erwartet erst 2037. Nach Protesten aus der Bürgerschaft geriet das Projekt im Mai ins Stocken; die Gaskraftwerkslösung gilt seither als vom Tisch, das Unternehmen prüft alternative Energiekonzepte. Auch im hessischen Birstein wendet sich eine Bürgerinitiative gegen ein Gaskraftwerk für ein geplantes Rechenzentrum. Der Protest richtet sich dabei vor allem gegen die fossile Brückenlösung, weniger gegen das Rechenzentrum selbst.
Der Unterschied zwischen beiden Fällen ist die eigentliche Lehre der Woche: Nicht die Fläche, nicht die Glasfaser und nicht einmal das Kapital entscheiden darüber, ob ein KI-Rechenzentrum entstehen kann, sondern die Frage, ob rechtzeitig ausreichend Netzanschlussleistung verfügbar ist. Wo diese Frage offen bleibt, entstehen Übergangslösungen, Wartezeiten und Akzeptanzkonflikte.
Wie politisch diese Frage inzwischen ist, zeigt der Blick in die USA. Das Repräsentantenhaus beschloss am 16. September mit 417 zu 3 Stimmen den Ratepayer Protection Act. Er verpflichtet die Bundesstaaten zu prüfen, wie Großverbraucher wie Rechenzentren an den Kosten des Netzausbaus beteiligt werden, damit diese nicht auf private Stromkunden umgelegt werden. Im Senat wurde das Gesetz am 18. September durch den Einspruch eines Senators vorerst blockiert; eine Verabschiedung vor den Zwischenwahlen im November gilt als unwahrscheinlich. Der breite Konsens im Repräsentantenhaus zeigt dennoch: Die Frage, wer die Netzkosten des KI-Booms trägt, lässt sich nicht mehr umgehen.
Für Deutschland und Baden-Württemberg folgt daraus eine klare Reihenfolge. Wer über neue KI-Rechenzentren spricht, sollte nicht zuerst über Standorte sprechen, sondern über Netzanschlusszeiten und -kosten – und zwar bevor eine Standortdebatte öffentlich wird, nicht danach. Genau dafür wirbt Deutschland Compute 2035: Zeit und Energie zuerst klären, dann Compute, Industrie und Standort. Die Programme und das Kapital sind da. Was fehlt, ist die frühe, ehrliche Klärung der Netzfrage, bevor aus einer technischen Lücke ein lokaler Konflikt wird.
Deutschland Compute 2035 will die Akteure an einen Tisch bringen, die diese Klärung herbeiführen können: Netzbetreiber, Energieversorger, Stadtwerke, Kommunen, Industrie und Politik in Baden-Württemberg und darüber hinaus. Die Leitfrage bleibt: Wie bringen wir das Notwendige schneller und koordiniert in die Umsetzung?
JETZT HANDELN.
QUELLEN:
- Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung: „Halbjahresbilanz Rechenzentrumsstrategie“, 18.09.2026
- Oiger: „Deutschland will Milliarden in Industrie-KI stecken“, 17.09.2026
- KKR / Business Wire: „KKR Launches Helix Digital Infrastructure“, 10.06.2026
- Schwarz Digits: „Datacenter Lübbenau“
- stadt+werk: „Anschluss von Rechenzentrum“, 21.07.2026
- hessenschau: „Rechenzentrum in Maintal: Proteste bringen Projekt ins Stocken“, 12.05.2026
- Dr. Web: „Rechenzentrum Maintal: Gaskraftwerk vom Tisch“, 27.05.2026
- ZDFheute: „Weshalb Bürger in Maintal und Birstein gegen Rechenzentren protestieren“, 14.07.2026
- U.S. House Energy & Commerce Committee: „Ratepayer Protection Act Passes House“, 16.09.2026
- Quartz: „Senate Democrat blocks Ratepayer Protection Act“, 18.09.2026


