Null Prozent: Europa baut die Werkzeuge – und nutzt sie nicht

Null Prozent: Europa baut die Werkzeuge – und nutzt sie nicht

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ASML hat in den ersten beiden Quartalen 2026 keinen Umsatz in Europa gemacht. Dabei stammen Optik und Laser seiner modernsten Anlagen aus Baden-Württemberg. Eingesetzt werden diese Maschinen außerhalb Europas. Warum die Souveränitätslücke nicht beim Wissen liegt, sondern bei Fertigung und Nachfrage.

Frank Heemskerk, Executive Vice President Public Affairs bei ASML, hat am 23. September bei einer Debatte im Amsterdamer Debattenzentrum De Balie eine Zahl genannt, die in ganz Europa nachhallen sollte. Der Anteil Europas am Umsatz des niederländischen Herstellers von Lithografieanlagen lag in den ersten beiden Quartalen 2026 bei null Prozent. 2024 waren es fünf Prozent, 2025 noch ein Prozent. Heemskerk nannte das laut Berichten beunruhigend und begründete es so: Europa investiere nicht, und es würden keine Chipfabriken gebaut.

Ganz wörtlich trifft das nicht zu. In Dresden entstehen und wachsen Halbleiterwerke, etwa das Gemeinschaftsunternehmen ESMC von TSMC mit Bosch, Infineon und NXP. Doch keines dieser Werke fertigt die Spitzenchips, für die ASMLs EUV- und High-NA-EUV-Anlagen gebraucht werden. Genau solche Chips – Prozessoren und KI-Beschleuniger – tragen den weltweiten Aufbau von KI-Rechenzentren.

Das Werkzeug kommt aus Baden-Württemberg

Die Zahl hat eine besondere Pointe für den Südwesten. ZEISS SMT aus Oberkochen fertigt die Optiken für die EUV-Lithografie und ist seit 1997 strategischer Partner von ASML. TRUMPF aus Ditzingen liefert den Laserverstärker, dessen Pulse das EUV-Licht erzeugen. Zwei Schlüsselkomponenten der fortschrittlichsten Fertigungsmaschinen der Welt stammen damit aus Baden-Württemberg. ZEISS SMT hat im Juli angekündigt, in Oberkochen um rund 25.000 Quadratmeter Produktions- und produktionsnahe Fläche zu erweitern, und nennt die durch KI steigende Nachfrage nach leistungsfähigeren Chips als Treiber.

Europa besitzt also Schlüsselpositionen beim Werkzeug. Die Wertschöpfung, die mit diesen Werkzeugen entsteht, liegt jedoch in Fabriken außerhalb Europas. Zurück kommen fertige Chips – und mit ihnen die Abhängigkeit bei der Hardware, auf der KI trainiert und betrieben wird.

Kein Mangel an Wissen, sondern an Fertigung und Nachfrage

Für Deutschland Compute 2035 bestätigt die ASML-Zahl eine Beobachtung, die sich durch viele Gespräche zieht: Die technologische Souveränitätslücke liegt nicht beim Know-how. Sie liegt bei der Fertigung im eigenen Wirtschaftsraum und bei der Nachfrage, die eine solche Fertigung wirtschaftlich trägt.

Förderung allein löst das nicht. Die abgesagte Intel-Fabrik in Magdeburg hat gezeigt, dass Fördergeld, Fläche und Genehmigung eine Investitionsentscheidung nicht erzwingen können. Auch Heemskerk setzt deshalb nicht in erster Linie auf Subventionen. Er plädiert dafür, den Bedarf von Staat und Industrie an Cloud- und Rechenzentrumskapazität zu bündeln und die Nachfrage nach in Europa gefertigten Chips planbar zu machen.

Was daraus folgt

Die Frage verlagert sich damit von der einzelnen Fabrik zur ganzen Kette. Wer Chips in Europa fertigen will, muss zuerst sagen können, wer sie hier einsetzt: in Rechenzentren, in der Industrie, in Forschung und Verwaltung. Genau diese Verbindung will Deutschland Compute 2035 herstellen – zwischen Nachfrage, Rechenzentren, Energie und Netz auf der einen und industrieller Wertschöpfung auf der anderen Seite.

Mit dem Chips Act 2.0 berät die EU derzeit über den nächsten Rahmen. Entscheidend wird sein, ob er Nachfrage schafft, die Fertigung in Europa hält, und ob Deutschland und Europa ihre vorhandenen Stärken bei Werkzeug, Leistungselektronik und Automotive-Chips zu einem eigenen strategischen KI-Compute-System verbinden. Es geht nicht darum, bestehende Partnerschaften oder Anbieter zu ersetzen, sondern darum, eine zweite, eigene Option aufzubauen.

Null Prozent ist die Momentaufnahme eines einzelnen Unternehmens. Sie zeigt aber deutlich, wo Europa steht: Es liefert die Werkzeuge für die digitale Zukunft der Welt. Jetzt muss es sie auch selbst nutzen.

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Bild: Matthew Cassidy / Unsplash – Symbolbild: Containerhafen bei Sonnenuntergang

Quellen:

Tom’s Hardware, ASML says it sold ‚absolutely nothing‘ in Europe in 2026 — lithography giant calls on EU to help create demand, 24.09.2026: https://www.tomshardware.com/tech-industry/semiconductors/asml-says-its-sells-absolutely-nothing-in-europe-calls-on-eu-to-help-create-demand

Data Center Dynamics, ASML’s revenue share drops to zero percent in Europe, says it has sold „absolutely nothing“ in the region this year, 25.09.2026: https://www.datacenterdynamics.com/en/news/asmls-revenue-share-drops-to-zero-percent-in-europe-says-its-sold-absolutely-nothing-in-the-region-this-year/

ZEISS SMT, ZEISS SMT baut Kapazitäten für Halbleiterzukunft aus, 24.07.2026: https://www.zeiss.de/semiconductor-manufacturing-technology/news-und-events/smt-pressemeldung/2026/kapazitaetsausbau.html

ZEISS SMT, Markets and Partners, abgerufen 28.09.2026: https://www.zeiss.com/semiconductor-manufacturing-technology/products/markets-and-partners.html

TRUMPF, TRUMPF Laser Amplifier – EUV lithography, abgerufen 28.09.2026: https://www.trumpf.com/en_US/solutions/applications/euv-lithography/euv-drive-laser/