Ein 2,45-Gigawatt-Campus in New Mexico gerät unter Vorbehalt, weil Gasleitung und Genehmigung fehlen. Ein Milliardenvertrag zwischen Akamai und Anthropic zeigt, dass Compute mehr ist als ein Chip. Und in Berlin liegt ein Gesetzentwurf, der das Windhund-Prinzip beim Netzanschluss ablösen will. Die Lehre der Woche: Entscheidend ist nicht, was angekündigt wird, sondern was zugesagt werden kann.
Es gibt Wochen, in denen sich eine Debatte leise verschiebt. Die vergangene war eine davon. Lange ging es bei KI-Infrastruktur vor allem um Größenordnungen: Gigawatt, Milliarden, Chips. In dieser Woche ging es um etwas Nüchterneres – um die Frage, was sich verbindlich zusagen lässt. Strom, der rechtzeitig ankommt. Eine Reihenfolge, nach der Netzanschlüsse vergeben werden. Hardware, die jemand vorfinanziert und liefert. Drei Meldungen, ein Muster.
Strom wird zur Vertragsklausel
Oracle hat für den Rechenzentrumscampus Project Jupiter in New Mexico, ausgelegt auf 2,45 Gigawatt, eine Force-Majeure-Mitteilung an eine Einheit des Entwicklers Blue Owl Capital geschickt. Auslöser sind laut TechCrunch Verzögerungen bei der Energieversorgung: Eine Gasleitung zum Standort verschiebt sich nach wiederholt verweigerten Genehmigungen um fast sechs Monate auf Februar 2027, die Luftreinhaltegenehmigung für das Brennstoffzellensystem steht noch aus. Die Mitteilung erlaubt Oracle, Zahlungen aufzuschieben, falls der Campus sein Ziel für 2028 verfehlt. Oracle betont, das Projekt liege weiter im Plan.
Die Lehre ist trotzdem deutlich: Selbst eines der kapitalstärksten KI-Vorhaben der Welt hängt an Leitung, Genehmigung und Termin. Energie ist kein Hintergrundthema mehr. Sie steht im Vertrag.
Die Reihenfolge wird zur Standortfrage
In Deutschland liegt dieselbe Frage auf dem Tisch, nur in anderer Form. Bei den vier Übertragungsnetzbetreibern lagen Ende des dritten Quartals 2025 insgesamt 717 Netzanschlussanträge mit einer Gesamtleistung von rund 270 Gigawatt vor. Die Netzbetreiber haben reagiert und seit April 2026 ein Reifegradverfahren für Speicher und Großverbraucher eingeführt.
Die Bundesregierung geht mit ihrem Gesetzentwurf in Drucksache 21/7866 vom 7. September 2026 einen Schritt weiter. Darin stellt sie fest, den Netzbetreibern fehle derzeit der rechtliche Handlungsspielraum, Netzanschlussbegehren zu priorisieren. Das bislang vorherrschende Windhund-Prinzip, bei dem der schnellste Antrag bevorzugt wird, erweise sich als „nicht mehr zeitgemäß“.
Das ist ein wichtiger Fortschritt. Es verschiebt aber auch die Frage. Wenn nicht mehr der schnellste Antrag gewinnt, sondern der reifste, dann entscheidet Projektreife über Standorte. Und Projektreife entsteht nicht in einem Antragsformular, sondern im Zusammenspiel von Netz, Kommune, Nachfrage, Betrieb und Risiko.
Compute ist mehr als der Chip
Die dritte Meldung kommt aus der Cloud. Akamai und Anthropic haben laut Pflichtmitteilung von Akamai an die US-Börsenaufsicht vom 24. September 2026 Vereinbarungen im Gesamtwert von rund 11,6 Milliarden US-Dollar geschlossen, mit einer Laufzeit von jeweils sieben Jahren; Erweiterungen sind vorgesehen. Zugleich hat Akamai den Einkauf von Speicherkomponenten für rund 1,7 Milliarden US-Dollar freigegeben. Beides sind Unternehmensangaben.
Der Vertrag zeigt, wohin sich die Nachfrage bewegt: Agentische KI braucht nicht nur Beschleuniger, sondern auch Prozessoren, Arbeitsspeicher, Datenspeicher und verteilte Infrastruktur. Jemand muss diese Hardware vorfinanzieren, und das geschieht dort, wo langfristige Abnahme zugesagt ist. Wer Abnahme zusagt, bekommt Kapazität. Wer nur Bedarf anmeldet, steht weiter hinten.
Deutschland beginnt nicht bei null
Es wäre falsch, aus dieser Woche ein Krisenbild zu zeichnen. Netzbetreiber und Bundesregierung haben das Zuteilungsproblem erkannt und konkrete Instrumente auf den Weg gebracht. Baden-Württemberg verfügt mit Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern, Stadtwerken, Hochleistungsrechnen, Forschung und einer Industrie, die Rechenleistung tatsächlich nachfragt, über die Bausteine, die es braucht. Was fehlt, ist der Ort, an dem diese Bausteine gleichzeitig am Tisch sitzen – bevor ein Antrag gestellt wird, nicht danach.
Was daraus folgt
Für Deutschland Compute 2035 bestätigt die Woche die eigene Leitfrage: Welche Standorte in Baden-Württemberg haben bis 2030 einen zusagbaren Netzanschluss in der Größenordnung ab 100 Megawatt – und in welcher Reihenfolge werden diese Kapazitäten vergeben?
Speicher und Firmware können Lastschwankungen glätten. Die Zuteilung lösen sie nicht. Das ist keine Technikfrage, sondern eine Koordinationsaufgabe. Genau dafür baut Deutschland Compute 2035 einen Arbeitstisch mit fünf Seiten auf: Netz, Kommune und Versorger, Nachfrage, Betrieb und Wissenschaft sowie Risiko und Versicherung.
Die Botschaft der Woche lautet deshalb nicht, Deutschland sei zu langsam. Sie lautet: Das Tempo entscheidet sich dort, wo Zusagen entstehen. Wer Netz, Nachfrage und Betrieb früh zusammenbringt, macht Projekte reif – und damit anschlussfähig, finanzierbar und umsetzbar.
JETZT HANDELN.
Bild: Deutschland Compute 2035 – Stuttgart im KI-Modus
Quellen:
TechCrunch, Oracle sends force majeure notice on its New Mexico Stargate data center, 24.09.2026: https://techcrunch.com/2026/09/24/oracle-sends-force-majeure-notice-on-its-new-mexico-stargate-data-center/
Akamai Technologies, Form 8-K zu den Vereinbarungen mit Anthropic, 24.09.2026: https://www.ir.akamai.com/static-files/db805670-271e-406b-91a5-e0b4ed226b5a
Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7866 – Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Energiewirtschaftsrechts zur Synchronisierung des Anlagenzubaus mit dem Netzausbau sowie zur Verbesserung des Netzanschlussverfahrens, 07.09.2026: https://dserver.bundestag.de/btd/21/078/2107866.pdf
TransnetBW, Übertragungsnetzbetreiber führen „Reifegradverfahren“ für Netzanschlussanträge von Speichern und Großverbrauchern ein, 05.02.2026: https://www.transnetbw.de/de/newsroom/pressemitteilungen/uebertragungsnetzbetreiber-fuehren-reifegradverfahren-ein


