Rechenleistung ist Infrastruktur, kein Einkauf

Rechenleistung ist Infrastruktur, kein Einkauf

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Mistral trainiert sein neues Modell auf einem eigenen Cluster. Tencent mietet sich laut Financial Times rund 100.000 KI-Chips in Südostasien. Und der Bund erklärt, er habe bei Mistral derzeit keine Beschaffungsvorhaben. Diese Woche hat gezeigt, wie unterschiedlich Rechenleistung gedacht wird: als Bestellung, die man auch wieder lassen kann, oder als Infrastruktur, die man anschließt, schützt und plant.

Eine Meldung vom Freitag ist mir hängen geblieben. Der Bund zieht sich aus der geplanten KI-Partnerschaft mit Mistral und SAP für die Verwaltung zurück. Der Rahmenvertrag sollte bis Mitte 2026 unterschrieben sein, die Frist ist verstrichen. Das Digitalministerium spricht von „keinen Beschaffungsvorhaben“ mit Mistral. Gründe nennen weder der Bund noch das Unternehmen, und vielleicht gibt es gute, die wir nicht kennen. Was mich beschäftigt, ist das Wort Beschaffung.

Denn in denselben Tagen wurde bekannt, dass Mistral sein neues großes Modell auf einem eigenen Cluster mit 3.800 Nvidia-Grace-Blackwell-Chips trainiert hat. Der Entwickler Simon Willison sieht das Unternehmen damit wieder etwa sechs Monate hinter der Weltspitze. Für ein europäisches Unternehmen ist das kein schlechter Abstand.

Wer Rechenleistung ernst nimmt, plant sie wie Netz und Straße

Tencent hat laut Financial Times rund 100.000 KI-Chips bei Oracle in Südostasien gemietet, für etwa 7 Milliarden Dollar über fünf Jahre. China wartet nicht auf Exportlizenzen, es sichert sich Kapazität dort, wo sie zu haben ist. In Russland haben Drohnen innerhalb von zwei Tagen zwei Rechenzentren von Yandex getroffen; in Sasovo stehen laut Reuters zwei der drei Supercomputer des Konzerns. Man muss keinen dieser Wege gut finden, um die Gemeinsamkeit zu sehen. Dort wird Rechenleistung behandelt wie etwas, das man langfristig sichert und notfalls verteidigt.

Die Netzbetreiber fragen nach der Rangfolge

In Deutschland kam der deutlichste Satz der Woche aus einer Bundestagsanhörung zu EEG und Netzpaket. Andreas Bublitz von TransnetBW sprach dort für alle vier Übertragungsnetzbetreiber. Großbatteriespeicher, Rechenzentren und Elektrolyseure konkurrieren mit erneuerbaren Erzeugern und der Industrie um dieselben knappen Anschlusspunkte. Die Priorisierung, so Bublitz, solle nicht von den Netzbetreibern kommen, sondern sich an der industriepolitischen Bedeutung orientieren. Wer zuerst ans Netz darf, ist also keine technische Frage mehr. Es ist eine politische.

Unsere Nachbarn haben sie schon beantwortet. In Dänemark gilt ab morgen, dem 12. Oktober, ein Notfallplan für das Stromnetz. Anschlussanfragen werden in vier Kategorien eingeteilt, Rechenzentren landen grundsätzlich in der letzten. Finnland prüft Ähnliches und will Projekte über 10 Megawatt nach hinten stellen. „Im Norden ist Platz“ war lange ein bequemes Argument. Es trägt nicht mehr.

An der Abwärme hängt die Akzeptanz

Correctiv hat das neue Rechenzentrumsregister ausgewertet. Von 305 Rechenzentren, die Abwärme melden, nutzen 263 nach eigener Angabe nichts davon. 168 meldepflichtige Anlagen haben der Veröffentlichung ihrer Daten widersprochen. Gleichzeitig sieht die Novelle des Energieeffizienzgesetzes vor, die Pflicht zur Abwärmenutzung zu lockern. Ich verstehe Betreiber, die keine Auflagen wollen, die sie selbst kaum erfüllen können, solange niemand die Wärme abnimmt. Trotzdem frage ich mich, ob weniger Transparenz klug ist, wenn vor Ort um jedes Ja gerungen wird.

Deutschland beginnt nicht bei null

Das beste Gegenbeispiel der Woche liegt in Baden-Württemberg. Das Karlsruher Institut für Technologie baut ein KI-Rechenzentrum mit zunächst rund 2 Megawatt, ausbaubar auf 10 Megawatt. Bund und Land tragen die geschätzten 24 Millionen Euro, die Abwärme geht über Wärmepumpen ins Heiznetz des Campus. So sieht Rechenleistung aus, wenn man sie als Infrastruktur denkt: angeschlossen, eingebunden, mit Nutzen für die Umgebung. Der Haken ist der Kalender. Die ersten Rechner sollen 2030 laufen. Auch beim Netz gibt es Bewegung: Die Übertragungsnetzbetreiber haben ein Reifegradverfahren für Anschlussanträge von Speichern und Großverbrauchern eingeführt. Die Bausteine sind da. Was fehlt, ist die Reihenfolge.

Was daraus folgt

Für Deutschland Compute 2035 verschiebt diese Woche die Frage. Ob Deutschland mehr Rechenzentren braucht, ist kaum noch strittig. Offen ist, nach welchen Kriterien künftig angeschlossen wird und wo KI-Rechenleistung in dieser Reihenfolge steht, vor oder hinter Speichern, Elektrolyseuren und Industrie. Die Netzbetreiber haben die Frage gestellt. Beantworten lässt sie sich nur, wenn Netz, Kommune, Nachfrage, Betrieb und Risiko früh gemeinsam am Tisch sitzen.

Unsere Leitfrage bleibt: Welche Standorte in Baden-Württemberg haben bis 2030 einen zusagbaren Netzanschluss in der Größenordnung ab 100 Megawatt, und in welcher Reihenfolge werden diese Kapazitäten vergeben?

Ausblick

In der neuen Woche könnte der Bundestag Netzpaket und EEG in zweiter und dritter Lesung beschließen. Geplant war das für die Sitzungswoche ab 12. Oktober, bestätigt ist es nicht; rutscht der Termin, geht es erst Anfang November weiter. Wir schauen außerdem nach Dänemark, wo der Notfallplan ab Montag gilt, und auf den EU-Gipfel am 15. und 16. Oktober. Parallel bereiten wir die Gründung des als gemeinnützig geplanten Vereins vor, der Träger der Initiative wird.

JETZT HANDELN.

Bild: Deutschland Compute 2035 – Stuttgart im KI-Modus

Quellen:

Dr. Web, Mistral und SAP: Der Bund legt den Rahmenvertrag für Verwaltungs-KI auf Eis, 10.10.2026: https://www.drweb.de/mistral-sap-bund-verwaltungs-ki-rahmenvertrag/

Simon Willison, Le Chonk (Mistral Large 4), 06.10.2026: https://simonwillison.net/2026/Oct/6/le-chonk/

TrendForce, Tencent Reportedly Signs $7B Deal to Lease 100,000 AI Chips from Oracle in Southeast Asia, 01.10.2026: https://trendforce.com/news/2026/10/01/news-tencent-reportedly-signs-7b-deal-to-lease-100000-ai-chips-from-oracle-in-southeast-asia/

DatacenterDynamics, Second Yandex data center hit in drone strikes in Russia, 09.10.2026: https://datacenterdynamics.com/en/news/second-yandex-data-center-hit-in-drone-strikes-in-russia

pv magazine, EEG 2027 und Netzpaket: Anhörungen durch, Referat aufgelöst, 07.10.2026: https://www.pv-magazine.de/2026/10/07/eeg-2027-und-netzpaket-anhoerungen-durch-referat-aufgeloest/

DatacenterDynamics, Danish Parliament adopts „emergency plan“ for electricity grid, puts data centers at the back of queue, 07.10.2026: https://www.datacenterdynamics.com/en/news/danish-parliament-adopts-emergency-plan-for-electricity-grid-puts-data-centers-at-the-back-of-queue/

Correctiv, Rechenzentren boomen – Bundesregierung will Umweltvorgaben lockern, 08.10.2026: https://correctiv.org/aktuelles/2026/10/08/rechenzentren-boomen-bundesregierung-will-umweltvorgaben-lockern/

KIT, More computing power, built fast, for research, digital autonomy and climate protection, 01.09.2026: https://www.kit.edu/kit/english/pi_2026_076_more-computing-power-built-fast-for-research-digital-autonomy-and-climate-protection.php

TransnetBW, Übertragungsnetzbetreiber führen „Reifegradverfahren“ für Netzanschlussanträge von Speichern und Großverbrauchern ein, 05.02.2026: https://www.transnetbw.de/de/newsroom/pressemitteilungen/uebertragungsnetzbetreiber-fuehren-reifegradverfahren-ein