In Stuttgart-Möhringen heizt ein Rechenzentrum Büros und eine Schule. Zur gleichen Zeit will der Bund die Pflicht zur Abwärmenutzung lockern. Damit fällt die Entscheidung dort, wo Standorte geplant werden: in den Kommunen.
Wer im Synergiepark in Stuttgart-Möhringen an der DEKRA-Zentrale vorbeigeht, sieht nichts Besonderes. Und doch kommt ein Teil der Wärme für die rund 2.000 Beschäftigten seit Kurzem aus einem Rechenzentrum. Der Betreiber nLighten gibt seine Abwärme in ein geschlossenes Wassersystem, Wärmepumpen heben sie auf die nötige Temperatur, ein Gebäudenetz verteilt sie. Betrieben wird das Netz von der WLSS, einem Gemeinschaftsunternehmen von Stadtwerke Stuttgart und e-con. Neben DEKRA hängt die städtische it.schule daran.
Die Zahlen sind überschaubar: bis zu 1,8 Megawatt Wärmeleistung, künftig rund 5 Gigawattstunden im Jahr. Die Stadt rechnet mit rund 1.200 Tonnen CO₂ weniger pro Jahr als bei der bisherigen Versorgung mit Erdgas. Der Bund hat mitgefördert, das System ist so gebaut, dass weitere Quellen und Abnehmer dazukommen können.
Mich interessiert an diesem Fall weniger die Technik. Wärmepumpen und Wärmetauscher sind erprobt. Interessant ist, warum es hier geklappt hat und an so vielen anderen Orten nicht. Rechenzentrum, Netz und Abnehmer liegen im Synergiepark nah genug beieinander, und es gab einen Partner, der das Netz bauen und betreiben wollte. Fehlt eines davon, bleibt die Wärme in der Luft.
Wie oft sie das tut, hat CORRECTIV Anfang Oktober aus dem Rechenzentrumsregister des Bundes ausgewertet: Von 305 Rechenzentren, die Abwärme ausweisen, nutzen 263 nach eigener Angabe nichts davon. Das sind rund 86 Prozent.
Gleichzeitig berät der Bundestag einen Gesetzentwurf zur Energieeffizienz (Drucksache 21/8027). Danach soll die Pflicht zur Abwärmenutzung entfallen können, wenn ein Anschluss an ein bestehendes oder geplantes Wärmenetz technisch und wirtschaftlich nicht zumutbar ist. Die Meinungen dazu gehen auseinander. AlgorithmWatch rechnet in seiner Stellungnahme für den Bundestag damit, dass bis 2045 fast 80 Terawattstunden Abwärme ungenutzt bleiben könnten, beim angesetzten Gaspreis rund 5,8 Milliarden Euro. Die Kanzlei CMS hält die Ausnahme dagegen für eine sinnvolle Entlastung der Betreiber, die heute oft schlicht keinen Abnehmer finden.
Ich halte beide Seiten für ernst zu nehmen. Eine Pflicht, die niemand erfüllen kann, hilft keinem. Aber die Ausnahme verschiebt die Frage nur. Wenn die Abwärmepflicht künftig davon abhängt, ob ein Wärmenetz erreichbar ist, dann wird die Standortwahl zur eigentlichen Entscheidung. Wer ein Rechenzentrum dort plant, wo niemand Wärme braucht, ist nach dem Entwurf im Zweifel aus der Pflicht. Wer es neben ein Wohngebiet, einen Gewerbepark oder ein bestehendes Netz setzt, macht aus einem großen Stromkunden einen Wärmelieferanten für die Kommune.
Damit landet das Thema in den Rathäusern und bei den Stadtwerken. Baden-Württemberg ist hier früh dran: Große Kreisstädte und Stadtkreise müssen seit dem Klimaschutzgesetz von 2020 eine kommunale Wärmeplanung aufstellen, inzwischen gilt das für alle Gemeinden. Diese Pläne beschreiben, wo künftig Wärmenetze liegen und woher die Wärme kommen soll. Sie sind der natürliche Ort, an dem Rechenzentren als Wärmequelle auftauchen müssten.
Ob sie das tun, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe keinen Überblick gefunden, wie viele Wärmepläne im Land ein Rechenzentrum überhaupt als Quelle oder Option nennen. Besonders interessant wäre das für Städte, in denen Stadtwerke, Wärmenetz und Gewerbeflächen zusammenkommen – also vieles von dem, was in Möhringen funktioniert hat.
Diese Frage würden wir gern mit Stadtwerken und Wärmeplanern in der Region klären. Wer Antworten oder Erfahrungen hat, auch mit gescheiterten Anläufen, kann sich gern bei uns melden.
Bild: Joschka Silzle / Unsplash – Baukräne vor blauem Himmel in Stuttgart
Quellen:
Landeshauptstadt Stuttgart, Wärmewende aus dem Rechenzentrum, 22.09.2026: https://www.stuttgart.de/service/aktuelle-meldungen/2026/september/waermewende-aus-dem-rechenzentrum
stadt+werk, Rechenzentrum versorgt Wärmenetz, 24.09.2026: https://www.stadt-und-werk.de/k21-meldungen/rechenzentrum-versorgt-waermenetz/
CORRECTIV, Rechenzentren boomen – Bundesregierung will Umweltvorgaben lockern, 08.10.2026: https://correctiv.org/aktuelles/2026/10/08/rechenzentren-boomen-bundesregierung-will-umweltvorgaben-lockern/
AlgorithmWatch (Dr. Julian Bothe), Stellungnahme zur Anhörung zu BT-Drucksache 21/8027, 02.10.2026: https://www.bundestag.de/resource/blob/1222062/Stellungnahme_Dr-_Julian_Bothe_Algorith_Watch.pdf
CMS, EnEfG-Novelle bringt Entlastung für Rechenzentren, 01.07.2026: https://cms.law/de/deu/legal-updates/enefg-novelle-bringt-entlastung-fuer-rechenzentren
energiezukunft, Aktualisiertes Klimaschutzgesetz in Kraft getreten: https://www.energiezukunft.eu/erneuerbare-energien/waermewende/aktualisiertes-klimaschutzgesetz-in-kraft-getreten


